Dr. Stine Eckert: "Feminist_innen Online: Potentiale und Herausforderungen"

Robuste, intersektionale Feminismen online

Nur wenige Tage nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in Köln, Hamburg, Berlin und anderen deutschen Städten in der Silvesternacht 2015, die rasch zu einer rhetorischen Vermischung von Flüchtlingsthematik und sexualisierter Gewalt gegen Frauen führte, entstand die Initiative „ausnahmslos“. Auf einer Webseite publizierten 22 Verfasserinnen Stellungnahmen „gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall.“ Bis Mitte Januar 2016 unterschrieben über 11.000 Menschen (auch Männer) die Stellungnahme. Das gleichnamige #ausnahmslos war in diesen Tagen auf Twitter kaum zu übersehen, wenn mensch der Debatte zur Silvesternacht – die oft auch mit #koelnbhf markiert wurde – folgte.

#Ausnahmslos zeigt, dass ein robustes feministisches Netzwerk im deutschsprachigen Raum operiert, das flexibel und rasch zusammenkommen kann und Internet und soziale Medien effektiv nutzt, um auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. Bemerkenswert ist auch die Zusammensetzung der vielfältigen Stimmen, die eine Intersektionalität tatsächlich lebt, die im zeitgenössischen Feminismus oft genug nur auf einer theoretischen Basis verbleibt. Diese Intersektionalität zeigt sich nicht nur in den vielfältigen Identitäten der 22 Verfasserinnen, die sich in Hautfarbe, Alter, Religionszugehörigkeit und anderen Dimensionen der Identität widerspiegeln, sondern auch darin, dass die daraus resultierenden, vielfältigen Perspektiven von ihnen genutzt werden, um produktiv und kreativ zusammenzuarbeiten, um die verflochtenen Dimensionen von Gender, race und Einwanderungsstatus und somit Diskrimination aller Art anzusprechen. Sie zeigt sich auch in einer Internationalität, die bewusst globale – vor allem englischsprachige – (feministische) Netzwerke anspricht und einzubinden versucht und von ihnen wiederum inspiriert ist. Zum Beispiel gab #Ausnahmlos-Mitverfasserin Anne Wizorek kürzlich in einem Spiegel-Streitgespräch (2016) an, von den U.S. amerikanischen Aktivistinnen Jessica Valenti und Jaclyn Friedman gesprägt zu sein. So finden sich unter den Erstzeichnerinnen von #ausnahmlos auch die bekannten U.S.-amerikanischen Feministinnen Angela Davis, Soraya Chemaly und Deanna Zandt sowie viele weitere Aktivist_innen, Blogger_innen, Wissenschaftler_innen, Student_innen, Künstler_innen, Politiker_innen aus den USA, Großbritannien, Österreich und der Schweiz, und vereinzelt auch aus Frankreich, den Niederlanden, Irland, der Türkei, Südafrika, Nigeria, dem Senegal, Uganda und Aserbaidschan.

Dieses aktuelle Beispiel zeigt auf prominente Weise, wie verschiedene Feminist_innen das demokratische Potential von sozialen Medien und dem Internet nutzen können und auch konkret nutzen, um Diskurse anzustoßen. Indem sie diese in andere, dominante Öffentlichkeiten bringen, wirken sie als analytisches Korrektiv. Dies geht auch über Onlineräume hinaus. So berichteten unzählige lokale und bundesweite deutsche Medien – unter anderen Stern, Focus, Welt, Tagesspiegel, Rheinische Presse, taz, Bild, Frankfurter Rundschau, BR, RBB, SWR, Deutschlandfunk, die oft Verbindungen mit der Aktion #aufschrei gegen Alltagssexismus von 2013 herstellten – über #ausnahmslos. International berichteten unter anderem Huffington Post U.K., das U.S.-amerikanischen Magazin Christian Science Monitor und die Plattform Vice, Le Monde in Frankreich, Der Standard in Österreich, Observador in Portugal, De Morgen in den Niederlanden und Vanity Fair in Italien.

Kurzum, Femnist_innen nutzen Onlineräume, die immer in Verbindung mit Offlineräumen und -dynamiken gesehen werden müssen, kollaborativ und solidarisch, um feministische Standpunkte zu entstehenden Debatten beizutragen und selbst immer wieder neue Öffentlicheiten zu erzeugen, wie es die Aktionen #aufschrei gegen Alltagssexismus sowie #schauhin und #CampusRassismus gegen Alltagsrassismus seit einigen Jahren machen.

Das Internet ist mittlerweile entscheidend für feministische Organisationen. Ob kollaborativ oder individuell, Femnist_innen, vor allem der jüngeren Generationen, nutzen ganz selbstverständlich Facebook, Twitter, tumblr, Pinterest und Instagram, um Diskussionen zu Problemem, die sie wichtig finden, voranzutreiben und um gegen anti-feministische, frauenfeindliche und anti-progressive Ideologien zu argumentieren und kritisch gegen unerwünschte politische Linien anzukämpfen. Jede größere feministische Initiative im deutsch- und englischsprachigen Raum ist online. Um mit Irwin (2013, para 1) zu sprechen, „die feministische Revolution wird getweetet, gehashtagged, gevined und Instagrammed”.

 

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Dr. Stine Eckert ist Juniorprofessorin im Institut für Kommunikationswissenschaften an der Wayne State University in Detroit. Sie forscht zu sozialen Medien und Gender, Minderheiten, nationalen Kontexten und Demokratie im deutsch- und englischsprachigem Raum. Mehr zu ihrer Arbeit finden Sie auf stineeckert.com. Sie twittert unter @stineeckert.

 

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