Jasna Strick: "Digitale Gegenwart? Digitale Zukunft!"

Warum nutzen so viele junge Feminist*innen das Netz als Ort des Austausches oder des feministischen Aktivismus? Ich bin sehr oft verwundert über diese Frage, denn für mich persönlich stellt sich eigentlich eine ganz andere: Warum nicht? Das Internet ist das Kommunikations- und Wissensinstrument unserer Gegenwart und wahrscheinlich auch unserer Zukunft. Warum lassen so viele alteingesessene feministische Vereine oder Institutionen sich das entgehen? Das Internet ist auf vielen Ebenen eine große Chance und wenn ich mir anschaue, wie selbstverständlich viele weiße Hetero-Typen immer noch denken, das Netz wäre allein ihr Spielzeug, umso mehr wird deutlich, welchen Widerstand es bedeutet, im Netz Feminismus voran zu treiben.

Ich habe bis zu meinem 25. Geburtstag in einer Kleinstadt gelebt. Bei uns gab es keine feministischen Veranstaltungen, keine Gruppen, denen ich mich hätte anschließen können, keine Demos oder Filmvorführungen. Etwa 2004 begann ich, das Internet für mich zu entdecken (damals noch hauptsächlich vom Computerraum der Schule aus). Mit der Zeit geriet ich in Blogs und Foren, in denen zunehmend feministische Diskussionen geführt wurden. Hier traf ich die ersten Freund*innen, die ein ähnliches Unrechtsbewusstsein wie ich hatten, die sich für die gleichen Themen interessierten. Das Internet machte mich nicht zur Feministin, denn das war ich bereits vorher. Das Internet gab mir aber einen Begriff dafür. Im Netz lernte ich, meine Stimme zu erheben und mich an Diskussionen zu beteiligen, zu denen ich damals offline noch meistens schwieg. Online konnte ich einfach ein Blog aufsetzen oder einen Twitter-Account starten und mir einen eigenen Raum schaffen – einen feministischen Raum, wie es ihn in meiner Stadt für mich nie gab.

Im (englischsprachigen) Ausland ist das Internet als Instrument für politische Teilhabe schon viel stärker in den medialen und gesellschaftlichen Diskurs einbezogen. Da ist es nichts Neues, wenn Journalist*innen sich anschauen, welche Themen gerade in den sozialen Medien heiß diskutiert werden und diese Diskussionen als Grundlage für ihre Arbeit nehmen. In Deutschland war der erste Twitter-Hashtag, der Bedeutung über das Netz hinaus erfahren hat, der von Anne Wizorek, Nicole von Horst und mir gestartete Hashtag #aufschrei. Deutsche Medien schauen seitdem genauer hin, was im Internet passiert. Deutsche Feminist*innen, die sonst nur offline agieren, haben aber nun auch gemerkt, dass es Feminist*innen in diesem Internet gibt. Auf Veranstaltungen schlägt mir dafür von Offline-Feminist*innen oft Verwunderung entgegen, denn einige von denen, die schon viele Jahre dabei sind, haben anscheinend gedacht, sie seien die letzte Generation Feminist*innen. Aber weit gefehlt, uns gibt es wirklich!

Auf Podien werde ich oft als „junge Feministin“ vorgestellt und soll erklären, was diese jungen Leute so tun und denken. Ich bin gerne Botschafterin für (Online-)Feminismus, kann aber immer nur für mich sprechen und nicht die Vertreterin einer ganzen Bewegung oder Generation sein. Zumal das Label „jung“ offenbar für alle Feminist*innen unter 40 gebraucht wird, was bei den Betreffenden durchaus für Erheiterung sorgt ;-) Die Themen, die Feminist*innen heutzutage beschäftigen sind sehr vielfältig und die Meinungen manchmal so unterschiedlich wie die Personen – das ist online und offline gleich.

Dass Internetaffinität etwas mit Jugend zu tun habe, ist ein Punkt, der oft von älteren Offliner*innen eingebracht wird und weniger von denen, die als „junge Feminist*innen“ bezeichnet werden. Diese Gegenüberstellung von „alt“ und „jung“ geht leider oft mit Geringschätzung für die Arbeit der so genannten „jungen Feminist*innen“ einher. Was im Internet passiert, wird oft nicht als real betrachtet, die Auswirkungen auf das Leben offline sind vielen Menschen gar nicht klar. Ob im Netz Emotionen entstehen können? Na ganz sicher! Vielleicht nicht beim Anklicken einer Petition, aber beim gemeinsamen Planen von Kampagnen via Skype, Slack oder Google Docs komme ich regelmäßig in einen Adrenalinrausch. Vertrauen, Stärke, Freundschaft, all das verbinde ich mit den Aktivist*innen, die ich online kennen gelernt habe und die dann später oft auch offline zu Freund*innen geworden sind. Kampagnen wie Ausnahmslos, #aufschrei oder #schauhin stoßen vom Netz aus gesamtgesellschaftliche Debatten an. Blogs sind Anlaufstellen für junge Menschen wie mich, die Anschluss suchen an eine Bewegung, die Themen aufgreift, die sie interessieren – mit den Instrumenten, die Teil ihres Lebens geworden sind.

Wer jüngere Feminist*innen erreichen will, muss dahingehen, wo die jungen Leute sind. Das Internet kann demnach auch für Gleichstellungsbüros, Institutionen oder feministische Vereine eine Chance sein, die es zu nutzen gilt. Wie das geschafft werden kann? Mit so viel erfrischender Neugier, wie sie mir bei „Online trifft offline“ entgegen schlug. Seid bereit euer Wissen zu teilen, aber auch von uns zu lernen – ohne dabei einfach nur unsere Ressourcen auszuschöpfen. Bleibt offen und geht auf uns zu. Und: Hört auf eure Töchter!

 

 

P.S.

Welche Vorteile für den Feminismus das Internet sonst noch bietet und wie man anfängt zu bloggen, habe ich hier beschrieben. Wer den Text lieber auf deutsch lesen will, kann auf die Übersetzung zurückgreifen, die leider nicht von mir gemacht wurde und deswegen etwas ungewohnt klingt.

Über die Gefahren feministischen Online-Aktivismus‘ kläre ich regelmäßig auf, nachzuhören bei Interesse u.a. hier.

 

Jasna Strick

ist Autorin, Bloggerin und Vortragende zu den Themen Geschlechterpolitik, Netzfeminismus und Online-Kommunikation. Sie ist Mitinitiatorin des Hashtags #aufschrei, der 2013 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Noch im gleichen Jahr veröffentlichte sie mit anderen Aktivist*innen das Buch Ich bin kein Sexist, aber. In diesem Jahr war Jasna Strick außerdem Mitverfasserin des Statements #ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Weitere Infos gibt es hier, für Politisches und Belangloses nutzt sie Twitter.

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