Claudia Zimmermann-Schwartz: "Um es gleich vorweg zu sagen..."

Da bin ich vorne etwas verdeckt.

Um es gleich vorweg zu sagen, ich bin eine 60 plus Feministin, eine, die, wie wir das damals gesagt haben, den Marsch durch die Institutionen angetreten ist. Ich gehöre zu der Generation, für die die lila Latzhose kein Klischee ist, sondern die dieses Kleidungsstück tatsächlich getragen hat, wobei eine silberne Halskette mit Frauenzeichen plus geballter Faust in der Mitte das politisch korrekte Outfit vervollständigte. Es waren wilde Zeiten, damals, in den 70er Jahren!

Unvergessen die Demonstration gegen §218 auf dem Bonner Marktplatz, wir waren alle schwarz gekleidet und Ina Deter sang „Ich habe abgetrieben“. Ich war damals wirklich ergriffen, fühlte mich als Teil einer starken Schwesternschaft, solidarisch, uns gegenseitig tragend. „Wir sind Frauen, wir sind viele, wir haben die Schnauze voll!“ Ich habe mit anderen zum „Jahr der Frau“ vor der Bonner Beethovenhalle demonstriert, wir hatten uns angekettet (wobei ich die Ketten und viele Vorhängeschlösser dazu noch kurzfristig vorher im einschlägigen Bonner Fachhandel besorgt hatte). So skandierten wir „Schöne Reden sprengen unsere Ketten nicht!“ und störten damit empfindlich die feierliche Eröffnungsfeier mit Prominenz. Es war übrigens das erste Mal, dass ich mich abends zur besten Sendezeit in der Tagesschau bewundern konnte - die Presse hatte sich natürlich sofort begeistert auf uns gestürzt, und da Bonn damals Bundeshauptstadt war, gab es viele Zeitungen vor Ort - , und das erste (nicht das letzte) Mal, dass meinen Eltern bang wurde, ob ihre Tochter wohl das Examen schaffen würde, wo sie sich doch offensichtlich in zweifelhaften Kreisen bewegte. Wir traten unangemeldet auf der Frankfurter Buchmesse auf, packten unsere Plakate aus und sangen frauenpolitische Kampflieder, so etwas wäre heute wohl kaum mehr möglich. Die schönste Aktion aber war - und damit höre ich dann auch auf mit dem Schwelgen in Erinnerungen -, als in den Bonner Kinos „Die Geschichte der O“ gezeigt wurde; wir verbrannten auf dem Marktplatz einen großen goldenen Penis, den wir vorher im Keller unseres Studentenwohnheims gebastelt hatten, und kamen damit sogar in den SPIEGEL. Mehr Publicity konnte frau nicht erreichen!

Auf der Frankfurter Buchmesse, singend.  

Das Feeling dieser Jahre war Aufbruch, der „Thrill der Erkenntnis der kollektiven Identität“, wie es die Autorinnen Susanne Weingarten und Marianne Wellershoff in ihrem Buch „Die widerspenstigen Töchter“ treffend beschreiben. Die Idee, dass die Geschlechterfrage eben kein Nebenwiderspruch ist, der sich automatisch auflöst, wenn denn der Hauptwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital beseitigt ist, beflügelte uns Frauen. Nicht mehr Anhängsel eines Mannes sein, sich nicht mehr über ihn definieren, sondern emanzipiert den eigenen Weg gehen, das war uns wichtig. Ich erlebte als junge Studentin, dass das klassische Drei-Phasen-Modell für die Frau – erst eine Ausbildung und ein paar Jahre im Beruf, dann Kinder, und dann Wiedereinstieg – nicht funktionierte. Denn zu uns in die Frauengruppe kamen viele, Mitte dreißig, Anfang vierzig, die verlassen worden waren oder ihre Ehe nicht mehr weiterführen wollten, aber jetzt entdeckten, dass sie allenfalls miese Unterhaltsansprüche hatten, der Arbeitsmarkt nicht auf sie wartete und ein Platz in einer staatlichen Kinderbetreuung illusorisch war. Da ich Jura studierte, hatte ich immerhin eine Ahnung davon, dass Frauen nach wie vor auch rechtlich noch diskriminiert wurden.

Aber es war auch gesamtgesellschaftlich eine Zeit des Umbruchs; nicht zufällig fällt etwa das Erste Gesetz zur Reform des Ehe-und Familienrechts in diese Zeit (1976); mit ihm wurde das gesetzliche Leitmodell der Hausfrauenehe durch das Partnerschaftsprinzip ersetzt. Ich lernte tolle weibliche Vorbilder kennen, alle feministisch unterwegs: eine streitbare und erfolgreiche Anwältin, eine Journalistin, die später einen frauenpolitischen Bestseller schrieb, eine Malerin, die sich im männlichen Kulturbetrieb durch setzte, und noch viele andere mehr; sie alle ermutigten mich, auch ihnen verdanke ich, dass ich meinen beruflichen und persönlichen Weg gehen konnte.

Als Abteilungsleiterin für Frauenpolitik habe ich das große Glück, meine politische Leidenschaft, die doch auch Teil meiner Identität ist, beruflich leben zu können. Mir ist das feministische Erbe ein großes Anliegen, denn ich weiß und erfahre es immer noch täglich: Nichts wird Frauen auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft geschenkt, alles, auch das, was junge Frauen heute als selbstverständlich erleben, ist hart erkämpft. Und immer droht ein Roll Back. Frauenquoten, Equal Pay Day, Gleichstellungsbeauftragte, geschlechtergerechte Sprache, all dies wird von nicht wenigen, auch Frauen, als bürokratisch, altbacken, formalistisch, peinlich, bestenfalls überflüssig angesehen. Am ehesten akzeptiert wird noch der Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, aber auch hier entsteht schnell eine Schieflage, wie wir an der jüngsten Debatte um die Ereignisse in Köln feststellen können. Es ist eben unbequem und tut weh, wenn eine Gesellschaft erkennen muss, dass Gewalt gegen Frauen kein importiertes Problem ist, mögen die Formen auch neu sein, sondern dass es strukturelle Ursachen gibt. Und dass alltäglicher Sexismus solcher Gewalt Vorschub leistet.

Und so bin ich denn bereichert, ja beglückt vom #IFT2016NRW nach Hause gegangen. So viele tolle junge Frauen, die sich als Feministinnen verstehen, von denselben Themen wie wir umgetrieben werden. Da muss doch ein Schulterschluss gelingen! So perfekt der Tag war – er darf sich nicht im Einmaligen erschöpfen. Wie finden wir nachhaltig zusammen?

Denn, Ihr lieben jungen Frauen, wir bewundern ja, wie Ihr Euch souverän bewegt in dem, was wir digitale Welt nennen, die doch Teil unserer gemeinsamen Welt ist, und die viele von uns fremd und auch etwas Furcht einflößend finden. Schon Eure Biografien unterscheiden sich deutlich von den unseren, die Welt ist Euch ein globales Dorf und Englisch vertraut wie eine Muttersprache. Darum beneiden wir Euch.

Und schauen gleichzeitig mit Stolz auf Unseres, auf das, was wir erreicht haben, worin wir geübt sind. Unser Job ist es, feministisches Engagement in Realpolitik und konkretes Handeln umzusetzen, wir kennen die Tücken, aber auch die Chancen der Systeme. Daran würden wir Euch gerne teilhaben lassen. Liebe junge Frauen, was wünscht Ihr Euch von uns?

 

Claudia Zimmermann-Schwartz, 62 Jahre alt, Juristin, seit fast 17 Jahren Leiterin der Abteilung Frauenpolitik (jetzt: Emanzipationspolitik) in NRW

 

Kommentare (2)

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Barbara Richter

17.06.2016 13:28

Zu den "Geschichten aus den Anfängen" kann ich auch noch eine beisteuern:
Ich bin wie Sie, Frau Zimmermann-Schwatz, auch eine der 60 plus Feministinnen, auch ich trug eine LILA Latzhose! Aber: eine bügelfreie!
Hintergrund:
Eine Frau aus unserem damaligen Frauenzentrum in Recklinghausen (Mitte der 70er Jahre entstanden) hatte die grandiose Idee, bei der Fa. Schell deren damalige Berufskleidung für Tankwarte zu bestellen. Tankwartinnen gab es meines Wissens noch nicht! Diese Hosen waren schon lila, mussten nicht mehr mühsam gefärbt werden und: sie waren bügelfrei! Lediglich die Löcher des abgetrennten Schellmuschen-Logos waren noch eine Weile zu sehen … d a s haben wir locker genommen! Dafür haben wir uns die Färberei und das Bügeln der (ehemals) weißen Arbeitshosen gespart.
Auch ich habe meine "Berufung" aus der autonomen Frauenpolitik in die Instituationen hineingetragen, zuerst ins junge forum/Ruhrfestpiele (das "junge forum" gibt es heute nicht mehr) und dort das "Kulturinfo" um "Lila Seiten"ergänzt, damit den Künsterlerinnen mehr Raum und Aufmerksdamkeit zu Teil wurde und sie mehr Chancen auf lukrative Engagements hatten. Mit der Frauenkabarettgruppe "Die Schnepfen" (1984-1989) sind wir jährlich mit neuem aktuellen, frauenpolitisch frechen Programm aufgetreten. Für nicht Faunakündige: Schnepfen sind langbeinige Stelzvögel mit großem spitzen Schnabel! Ab 1990 bis heute arbeite ich als Gleichstellungsbeauftragte in einer mittelgroßen Kommune im Ruhrgebiet und wechsle von dort bald in den "Un-Ruhestand" (Regelaltersrente ab August 2016).
Siehe: https://www.gladbeck.de/Familie_Bildung/Frauen/Gleichstellungsstelle/Veroeffentlichung.asp?highmain=5&highsub=2&highsubsub=9 und
www.frauen-in-gladbeck.de.
Ich freue mich auf die neuen Foren und werde sicherlich den Dialog zur alten und zur neuen Generation Feministinnen im Netz suchen und finden und diese, so hoffe ich, auch mich. In neuen Medien "unterwegs" zu sein, ist für mich keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Affinität und des Interesses. Ich werde für diesen Link werben!

Elisabeth Thesing-Bleck

01.04.2016 13:09

Die Herausforderung der digitalen Medien besteht darin, die zukünftige Entwicklung der digitalen Welt voraus zu denken. Dabei gilt es zunächst die Chancen für Frauen zu sondieren und die Risiken zu erkennen. Daraus müssen dann geschlechtsspezifische Forderungen in den zur Zeit beginnenden Diskurs eingebracht werden.
Digitale Arbeit findet derzeit in nahezu ungeregelter Form statt. Die derzeitigen Regelungen des Arbeitsmarktes lassen sich auf diese neue Form der Arbeit so gut wie nicht übertragen und greifen auch nicht. Der Diskurs über die notwendigen Regelungen beginnt gerade erst. Um die tradierten Rollenmuster nicht weiter vorzuschreiben ist es notwendig, dass sich Frauen darüber im Klaren werden müssen, welche geschlechtsspezifischen Regelungen sie selber brauchen, um ihre Lebensentwürfe so leben zu können wie sie es sich vorstellen. Dazu gibt es derzeit für die digitale Welt kaum Role Models.

Aufgabe der Frauenpolitik heute ist es meiner festen Meinung nach so viele Informationen über die zukünftige Entwicklung zu sammeln wie irgend möglich. Nur wenn wir als Frauen rechtzeitig diese Informationen verwerten, anschließend unsere Bedürfnisse formulieren und dann in den gerade erst beginnende Diskurs einbringen, nur dann können wir von Anfang an die sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit verändernde Arbeitswelt in unserem Sinne mitgestalten.